Im Sommer 1870 im Juni kam Vater aus Westindien zurück und ankerte an Langgrenden bei Horten, um die Mannschaft zu tauschen, da diese 2 Jahre an Bord gewesen war, und Ablösung verlangen konnte. Einige von ihnen blieben jedoch und es wurden neue angeheuert für die, die an Land gingen. Vater kam mit dem Dampfschiff nach Kristiania, und da er mit einer Salzladung zur Ostsee fahren sollte, bat er mich, mir vor der letzten Prüfungswoche schulfrei zu nehmen, und nahm mich mit an Bord. Mutter blieb zu Hause, um sich um Schwester Susanna zu kümmern, die gerade ihr zweites Kind – Signe (Frau Hallager)- bekommen hatte. War die Seereise 1869 unangenehm gewesen, so war nun das Gegenteil der Fall. Am ersten Tag war ich ein wenig seekrank, aber damit war es erledigt, og jeg var høit og lavt med Folkene, ja endog paa Merseræerne og revede.In der Ostsee, wo wir “Schönwetter” hatten, war mein Lieblingsort “Storemers”, wo ich lag und Romane von Cooper las, die ich in Vaters Schiffsbibliothek gefunden hatte. Besonders freute mich der “Jack O’Lanterne”, ein Seemann von Napoleons Kriegern.

Vater war in Westindien in Belize (Yucatan) gewesen und hatte viele Raritäten mitgebracht, wie einen großen Schildkrötenschild, die herrlichsten Muscheln und auch viele gute essbare Dinge, mit denen er nicht knauserte, und so lebte ich die glücklichen Tage des Herrn. Von Berglie bis Liverpool war er damals in unerhört schnellen 28 Tagen gereist, und brachte 32 lebende Schildkröten mit, die während dieser Zeit auf dem Rücken lagen, gefüttert wurden und mehrmals am Tag kalt mit Seewasser geduscht wurden. Er verkaufte sie in Liverpool und verdiente gut mit ihnen. In Liverpool hatte er dann Salz aufgeladen, um es nach Wiborg in Finnland zu fahren, und nach Norwegen für eine neue Mannschaft zu kommen. Als wir den Øresund passierten, hörten wir, dass es einen Krieg zwischen Preußen und Frankreich geben könnte und bevor wir nach Wiborg kamen, war der Krieg erklärt.

Vater reiste sofort nach St. Petersburg, um nach einer guten Fracht zu suchen, und hatte auch das Glück, von Kronstadt aus richtig gute Fracht entweder nach Le Havre oder nach London zu befördern, Auftrag in Helsingør. Es wurde London. Inzwischen lagen wir auf Reede in Trångsund, dem Hafen von Wiborg, weil “Lizzy” zu tief lag, bevor ein Teil der Ladung entladen war, und wir entluden Salz in Latten (Paletten von Salz?), die ein Schlepper “Sampo”, morgens und abends brachte. Auf Reede lag die russische Ostseeflotte, welche mobilisiert worden war, 18 große Panzerschiffe der neuesten Fasson, und ich hatte viel Spaß darin, in “Lizzy’s” Beiboot, das ein großes Lateinersegel und Fock hatte, zwischen ihnen zu rudern oder zu segeln. Ballast war ein gefülltes Wasserfass, da Beiboote ja leichte Ruderbote sind und nicht wirklich zum Segeln gedacht sind. Gegen Abend, wenn alles ruhig war, ruderte ich gerne zu den Escadren1, um den schönen Gesang der russischen Matrosen zu hören, die herrlich mehrstimmig sangen. Vor allem die Bässe waren überwältigend schön.

Wir hatten an Bord der „Lizzy” einen Zimmermann, der sich in jungen Jahren wegen “fahrlässigen Tötens” in der Strafanstalt befunden hatte. Er war ein Meister der Arbeit und ein netter alter Kerl, der während der Fahrt von Horten nach Trångsund nach Vaters Anweisungen einen schönen Kutter mit einer Länge von 80 Zentimetern aus einem Mahagoni-Block, den Vater an Bord hatte, gearbeitet hatte. Als er fertig war, ließ Vater in Fråsund einen Segelmacher Segel nähen, ebenfalls nach seiner Anweisung, dem sogenannten “Bermudarig” oder wie man es jetzt nennt „Marconi-Rig”: Man sieht, dass Vater seine Augen offen dafür hatte, wie ein Kutter am vorteilhaftesten aufgetakelt wird. Neben dem hohen spitzen Großsegel war ein Focksegel, das mit dem Hals am Sprydet festgemacht war. Sowohl Großsegel als auch Fock hatten einen Mast am Underliget. Der Kutter hatte kein Ruder, und der beste Beweis dafür, wie genau er gearbeitet und die Segel balanciert waren, war dass wenn Bidevind (Wind von schräg vorne) auf den ein oder anderen Bug traf, dann blieb er liegen, bis er eingeholt und umgestellt wurde.

Man kann meine Entzückung über dieses herrliche Geschenk von Vater verstehen, und ich verbrachte fast den ganzen Tag im Boot und segelte mit “Nils Juel”, wie ich es getauft hatte. Es hatte Bleikiel, und der Kiel hatte die gleiche Form, die man jetzt hat mit zunehmender Tiefe nach achtern. Da es ein komplettes Deck hatte, war ich bei jedem Wetter mit ihm draußen, und ich hatte viele Male mehr Mühe mit dem Schiffsboot als mit dem Kutter.

Eines Tages brachte mich mein Vater nach Wiborg und am nächsten Tag fuhren wir zu einer Besichtigung mit dem Dampfschiff das Saimaa-Meer hinauf. Auf dem Dampfschiff machte Vater Bekanntschaft mit einem höheren russischen Beamten, der mit seiner Familie dieselbe Tour wie wir unternahm. Das Gespräch ging leider für mich auf Französisch weiter, und ich hätte es sogar gewagt, mit den jungen Mädchen zu reden, die fließend sprachen.

Das Saimaa-Meer wirkte damals ermüdend auf mich. Es war Wald und wieder unendlich viel Wald, und zwischendurch Rodung mit bewohnten Orten, aber in meinen Augen konnten diese das Monotone nicht überwiegen. Einige Tage nach unserer Rückkehr von dieser Tour war die “Lizzy” entladen und ein mächtiges Schleppboot wurde von Vater engagiert, um uns nach Kronstadt zu schleppen. Hätten wir segeln wollen, hätten wir Ballast aufnehmen müssen und dadurch Zeit verloren. Nun konnten wir die Tour mit leerem Schiff machen, und sofort zum Laden bereit sein. Es war ein kraftvoller Doppelschraubendampfer “Llogeda”, der uns in 6-7 Stunden von Trångsund nach Kronstadt bei herrlichstem Wetter schleppte. Vater ließ ein paar Untersegel zur Hilfe setzen, und es ging ausgezeichnet. In Kronstadt angekommen, kamen sofort Zoll- und Polizeibeamte an Bord, die dort blieben, bis das Schiff absegelte. Es war verboten, Licht und Feuer an Bord zu haben. Daher musste der Koch für jede Mahlzeit an Land rudern, zu der großen Küche am Kai, die für die Bedürfnisse der Schiffe eingerichtet war, und dann das Essen fertig an Bord bringen. Fürchterlich umständlich und wofür es gut sein sollte, ist mir noch immer ein Rätsel. Kronstadt war eine hübsche Stadt mit breiten Straßen und hübschen Häusern und Kirchen. Das Pflaster bestand größtenteils aus Holzwürfeln, die mit den Enden in der Erde standen, aber eine Straße war mit alten Schiffsbolzen aus Eisen aus den ausrangierten alten Kriegsschiffen gepflastert. Das hat mich sehr beeindruckt. Gott weiß, wie viele Millionen oder Milliarden Bolzen in dieser Straße standen. Es war auf jeden Fall haltbar. Einige Tage nachdem wir gekommen waren, gab es einen großen Festtag und keine Arbeit. Es war entweder der Geburtstag von Kaiser Alexander II. oder der Kaiserin. Was dort gegen Mittag und Morgen geschossen wurde, war heftig. Alle Festungen um Kronstadt donnerten los, man sollte meinen, es sei Krieg.

Diese Forts, große Granitmassen, die an untiefen Stellen in der Bucht ermauert wurden, hatten mehrere Etagen, wie ein Haus, mit Kanonentoren anstelle von Fenstern. Gewaltige Kolosse, die zu dieser Zeit als uneinnehmbar galten, jedoch bald an Bedeutung verloren, als die großen Geschosse zum Einsatz kamen. An diesem Tag reisten Vater mit mir und dem norwegischen Konsul Smith mit diesem kleinen Dampfboot hinüber zum Schloss Peterhof, wo die Kaiserlichen sich aufhielten, und wo es ein großes Volksfest und ein Feuerwerk geben sollte. Wir besahen den herrlichen Park, und einen unvergesslichen Eindruck hinterließen die Springbrunnen und Kaskaden auf mich. Vor allem die letzteren waren wunderbar. Die Treppen aus weißem Marmor, aber auf der Vorderseite mit vergoldeten Platten bedeckt, so dass sie durch das fallende Wasser golden erscheint. Es war ein Farbenspiel, das einzigartig war. Die Springbrunnen und die anderen Kunstwerke in diesem Park werden oft von besseren Füllern als meinen beschrieben, so dass ich keinen Wettbewerb betreiben werde.

Vater hatte beschlossen, von Peterhof aus die Eisenbahn nach St. Petersburg zu nehmen, damit ich diese Stadt sehen konnte, und wir nahmen den letzten Zug von Peterhof und kamen um Mitternacht nach St. Petersburg. Eine Droschke fuhr uns zu dem Hotel, in dem Vater gewohnt hatte, als er das letzte Mal in der Stadt war, ein Hotel Garni, aber der Portier (Hausmeister) wollte uns nicht mitten in der Nacht hinein lassen. Es war nichts anderes zu tun, als wieder in die Droschke zu steigen, und dann fuhren wir von 12 bis 4 Uhr morgens von Hotel zu Hotel durch ganz Petersburg, aber nirgends kamen wir herein, da wir keinen Pass hatten. Zumindest haben wir so die Stadt gesehen, denn es war die ganze Nacht ziemlich hell. Schließlich um 4 Uhr morgens kehrten wir zu dem ersten Hotel Garni zurück, und Vater sagte, dass er eintreten wollte. Als der Pförtner öffnete und hinausschaute, steckte Vater den Fuß in die Öffnung und drückte mit all seiner Kraft die Schulter gegen das Tor, so dass der Pförtner es nicht zubekommen konnte. Stattdessen rückte er zum Ende des Tors, und wir gingen über den gefallenen Helden hinauf in die 2. Etage, wo sich das Hotel befand, und wo wir sofort ein Zimmer bekamen und schliefen, schliefen, schliefen bis zum Abendessen. Als wir gegessen hatten, ging es in die Stadt hinaus und zuerst zur Isak-Kirche. Es war ein Sonntag, und ich sah und hörte zum ersten Mal einen griechisch-orthodoxen Gottesdienst mit seinem herrlichen Gesang und seinem Wechsel-Gesang bei der Messe. Die orthodoxe Kirche verbietet ja Instrumentalmusik im Gottesdienst, und setzt mehr auf Chor und Sologesang. Es gibt nur Jungen- und Männerchöre, aber sie haben gut gesungen, und Vater und ich haben es als Konzert genossen. Es war ja auch interessant, mit allen Zeremonien Bekanntschaft zu machen. Danach streiften wir umher und besahen die berühmtesten Kunst- und Bauarbeiten, und einen großen Teil hatten wir ja bereits nachts im Morgengrauen gesehen.

Montag waren wir wieder in Kronstadt. Da mein Vater Angst hatte, dass ich zu spät zur Schule kommen würde, wenn ich warten würde, bis er die Last bekommen hatte und sich auf den Weg nach Helsingør machen konnte, sprach er mit dem Führer des Bergungsdampfers “Odin” Kapitän Brun (?), der in Kronstadt war und seine Frau und zwei Söhne in meinem Alter dabei hatte, ob ich ihnen nach Helsingør folgen könnte, und dort mit dem Lotsen an Land gehen konnte, was gerne bewilligt wurde, und als “Odin” einige Tage später beladen war, verabschiedete ich mich von Vater und der Mannschaft und stieg an Bord von “Odin”. Vater hatte gesagt, dass ich von Helsingør zu Onkel Riise Knudsen nach Kopenhagen fahren, und dort bleiben sollte bis das Boot nach Kristiania ging. Wir hatten eine wunderbare Reise nach Helsingør, und die Söhne des Kapitäns und ich kamen sehr gut miteinander aus und hatten viel Spaß zusammen.

Als ich in Helsingør ankam, fuhr ich mit dem ersten Zug nach Kopenhagen und fuhr direkt vom Bahnhof zum Rosenborggade, wo Onkel Riise lebte. Er war allein zu Hause und machte große Augen, als ich alleine ankam, und noch mehr, als er hörte, dass ich alleine von Kronstadt über Helsingør, Kopenhagen nach Kristiania reiste. Abends kamen Tante Rike, Cousine Marie und Peter von einer Landreise nach Hause, und ich hatte es, wie immer, gemütlich bei diesen großartigen Leuten. Ich war an einem Sonntag nach Kopenhagen gekommen und musste bis Donnerstag warten, als ich an Bord des Dampfschiffes “Kronprindsesse Louise” ging, das dem Staat gehörte und Posten zwischen Dänemark und Norwegen besuchte, abwechselnd mit “Exellencen Toll”. Alles war  “Marine” an Bord der “Kronprinzessin”, Offiziere und die Mannschaft der Marine. Es war ein großer Raddampfer aus Holz, der 8 bis 9 Meilen in der Wache machte. Die Reise verlief gut und ich kam gut in Kristiania an, wo Mutter mich noch nicht erwartet hatte, weshalb sie in Marienlyst bei Susanna war, als ich nach Hause kam, aber unser altes treues Mädchen Anne, das seit vielen Jahren bei Vater und Mutter war, empfing mich an der Tür. Was ich für den Rest der Ferien machte, kann ich mich nicht erinnern, aber die 10-12 Tage vor Schulbeginn waren für mich wahrscheinlich langweilig, weil die Tanberg-Jungs verreist waren, und erst direkt vor Schulbeginn nach Hause kommen sollten. Die Schule sollte beginnen. Vater war wieder nach Westindien gesegelt, und es dauerte zwei Jahre, bis wir ihn wiedersahen.

Ich war jetzt in der dritten Realklasse, und hatte den späteren Direktor der technischen Schule in Kristiania, E.A.H. Sinding als Klassenlehrer (sehr streng). Diese Klasse war oder wurde besser gesagt, nur benutzt für alle Schlägereien und Spektakel, die wir zu Stande brachten. Wir erklärten der Qvam Schule den Krieg (es waren ja Tage des Krieges), und eines Tages hatte einer der Jungen heimlich die Uhr im den Flur vorgestellt, so dass  Redellen um 10 Minuten vor 2 klingelte, und um 2 Uhr waren wir mit 30 Männern vor der Qvam Schule in der Theatergade mit den Taschen voller Kastanien, und sobald jemand im Tor erschien, schoss eine Salve quer über die Straße und in das Tor, so dass weder Lehrer noch Schüler herauskommen konnten, aber schließlich kam ein Polizist, der uns dazu drängte, die Beine in die Hand zu nehmen, aber zumindest 20 Minuten lang war das Personal der Schule eingesperrt gewesen. Die Fensterscheiben hatten wir blockiert. Ein anderes Mal war ein großer Kampf mit Jungs aus Piperviken, wo damals alle Arten von Schlingeln lebten. Einmal im Frühling, als es wirklich schönes Wetter gab, hatten wir in der Turnstunde um frei gebeten, um Ball zu schlagen. Es wurde abgelehnt. Der Gymnastiklehrer, Leutnant Lonnevig, ging in der Pause im Saal auf und ab, da schlich sich jemand herunter und schloss die Tür von außen, und da die Fenster hoch oben an der Wand waren, konnte er nicht herauskommen. Wir schlugen die ganze Stunde Ball, und als die Pause kam, schlich sich wieder einer herunter und schloss auf/ drehte den Schlüssel herum und verschwand.

Einar Fluh und Karl Hovland hießen die Anführer in der Klasse, und es war mit vollem Recht, dass beim Schulfest 1871 der Leiter in seiner Rede aussprach: „Mit Ausnahme einer Klasse war man sehr zufrieden mit dem Verhalten der Schüler”. Als ein Junge unter den Zuschauern rief “Das ist die 3. Realklasse!” wurde sofort „Psst!“ gesagt. Glücklicherweise gingen alle Unruhestifter von der Schule, sodass wir in der 4. Realklasse erneut ein gutes Renommee erhalten konnten.

Aars & Voss galt als die beste Schule des Landes, und die Leitung verstand es, eine Reihe von Lehrkräften der ersten Klasse zu sammeln. Mehrere wurden später Professoren an der Universität oder Rektoren an den staatlichen Hochschulen. Kein Wunder also, dass wir gut und viel gelernt haben. Es wurde viel “Selbstarbeit” verlangt, und kein Mopsen („Pugning“) toleriert. Insgesamt habe ich, abgesehen von Mathematik, insbesondere Arithmetik, gut abgeschnitten. Geometrie, Stereometrie und Trigonometrie dagegen fielen mir nicht so schwer. Es war mein schlechtestes Fach und hier habe ich mich gerade so durch die Prüfungen gehangelt, während die anderen Fächer zufriedenstellend waren. Meine Lieblinge waren Geschichte, Geographie, Zoologie, Physik, Deutsch und Französisch. Englisch interessierte mich weniger. Im Sommer 1872 reiste Erland Tanberg nach München, um Chemie zu studieren, und Ragnvald und ich unternahmen diesen Sommer eine Segeltour mit Frau Tanbergs Boot nach Drøbak, um unseren gemeinsamen Freund und Klassenkameraden Alfons Parr zu besuchen, dessen Vater eine Immobiie, Husvik, in der Vindfang-Bucht hatte. Parr war Reeder und Exporteur und ein reicher Mann. Ich war während all der Jahre besonders gut mit Alfons befreundet gewesen, dem das Lernen schwer fiel, und dem ich bei seinen Aufgaben und Hausaufgaben geholfen habe. Ich verkehrte also oft dort im Haus. Er hatte eine Schwester Anna, an der ich eine Zeit lang, im Alter von 12 bis 13 Jahren, interessiert war, aber das verschwand.

In den Sommerferien 1871 wurde ich eingeladen, diese bei dem alten Onkel Johan Gude, dem Pfarrer von Drøbak, zu verbringen, in dessen Haus Vaters Brüder Julius und Emil nach dem Tod von Großvater aufwuchsen. Er war der Bruder von Großmutter Knudsen. Ich war den ganzen Urlaub dort im Pfarrhaus “Seiersteen”, das auf dem Hügel oberhalb von Drøbak lag, wo sich jetzt das starke Fort “Seiersteen” befindet. Von hier aus war es nicht mehr weit bis Husvig bis zu den Parrs, und ich war auch ein paar Tage in Oscarsborg bei dem Kommandanten Kapitän Sissenere, der mit einer entfernten Verwandten von Vater verheiratet war.

Es gab auch Jungen in ungefähr meinem Alter, die auch mit in das Pfarrhaus kamen, um mit mir zu spielen. Wohin ich auch kam, Freunde fand ich überall, und da ich dank meiner Mutter ein nettes Wesen hatte, fand ich auch Wege für die Augen der Älteren (Eltern). Mit gleichaltrigen Mädchen befasste ich mich nicht, war aber für meine Lebhaftigkeit und Munterkeit bei älteren Fräuleins im Alter zwischen 18 und 20 Jahren beliebt, und war ihnen gegenüber viel ungenierter als einem Schulmädchen von 12 bis 13 Jahren.

Wie gesagt, haben Ragnvald und ich 1872 eine Segeltour nach Drøbak vorgeschlagen. Es kam uns wie eine Auslandsreise in dem kleinen Boot vor. Alfons Vater lud uns ein, bei ihm zu wohnen, aber wir wollten verrückte Wikinger sein und schliefen im Boot mit den Segeln über uns. Wir lagen hart, und wir froren, verzogen aber keine Miene, und hielten 4 Tage und Nächte aus, dann segelten wir wieder nach Hause und hatten genug von solchen Ausflügen. Ich war jetzt in die 5. oberste Realklasse gekommen. Es waren nur noch vier von den 30 Jungs übrig, die in der dritten Realklasse zusammen gewesen waren, aber es kamen 3 neue Jungen, die nicht für die Aufnahmeprüfung an der Kriegsschule zugelassen wurden, so dass wir insgesamt 7 waren. Von den vieren waren es: Morgenstjerne ( der General) , Hoel (gestorben als Kapitän mit dem Spitznamen “Alkohoel”), Erik Rynning (gestorben als Ingenieur in Amerika) und ich (Der noch auf den Tod wartet). Die drei Neuen, die zur Nissens-Schule (Nissens skole) gegangen waren, waren Falsen, Ring und Maner. 1873 gingen sie zur Kriegsschule (Krigsskolen) und bestanden die Prüfung, während Rynning und ich die Ingenieur- Laufbahn wählten. Er kam in die “Chalmerska-Schule” in Göteborg, während ich nach München ging, um dort Chemie am Polytechnikum zu studieren.

Otto Winther Hjelm (links)

Als wir 1867 nach Kristiania kamen, wurde ich sofort in der Griegs & Winter-Hjelms Musikschule eingeschrieben und spielte bei dem letzteren. Ich muss leider sagen, falls etwas einem Schüler die Lust nehmen konnte, dann war es dieser Unterricht. Nur Übungen, nie ein leichtes Stück. Endlich bekam ich dann die Etüden von Clementis, die genau so langweilig waren wie die Übungen, und so verlor ich meine Lust völlig und anstatt zu üben, begann ich zu fantasieren, wenn ich eine Dissonanz vernommen habe, um diese zu erhöhen, und der Fortschritt war so gering, dass ich 2 Jahre lang mit dem Unterricht völlig aufhörte, von 1869 bis 1871. Da beschloss Mutter, mich mit Frau Marie Ray, einer Freundin von Schwester Susanna, üben zu lassen, und da wurden es eine andere Sache. Sie verstand es, etwas interessant zu machen, so dass ich bald gute Fortschritte machte, aber es war immer gefährlich für meine Praxis, dass ich ein Talent zum Komponieren hatte, und frei phantasieren und improvisieren konnte. Daher erlangte ich nie ein große Fertigkeiten, sondern komponierte sowohl Klavierstücke als auch kleine Lieder von meinem 13. Lebensjahr an, ohne jemals die Theorie gelernt zu haben, und nur meinem Gehör folgend, und so ist es mein ganzes Leben lang geblieben. Ich bin oft, wenn ich mir z.B. die “Hamarkantaten” vornehme, erstaunt, dass ich, ohne jemals die Theorie gelernt zu haben, mit nur ein bisschen Selbststudium in Instrumentationslehre, etwas derartiges schreiben konnte, das wirklich bleibenden Wert hat. Ich behaupte, dass ich nur “Medium” für eine höhere Macht war.

Als beschlossen wurde, dass ich in München studieren sollte, entschied ich mich, etwas früher dort hinunterzufahren, um mich in der Sprache zu perfektionieren, damit ich den Vorlesungen leichter folgen konnte. Anfang August fuhr ich mit dem Dampfschiff “St Olaf” über Hamburg, und nahm dann die Eisenbahn weiter nach München. Wehmütig winkte ich vom Deck des Schiffes aus Mutter zum Abschied, die am Kai stand, ich war doch gerade erst am Ende meiner Kinderzeit, und ich sollte mich nun selbstständig versorgen und mich für meinen Lebensunterhalt ausbilden, ohne mir jederzeit einen guten Rat von der lieben Mutter einholen zu können. Die Seereise verlief gut ohne Seekrankheit, und ich machte Bekanntschaft mit ein paar älteren Herren, Parrot und Passarge (dem bekannten Übersetzer norwegischer Literatur) , und diese gaben mir eine Visitenkarte von Freunden in München.

Der Schnellzug, mit dem ich von Hamburg über Hannover-Kassel-Würzburg-München reiste, entgleiste in der Nacht zwischen Harburg und Hannover, so dass wir viel Verspätung hatten. Nur die Lokomotive und der letzte Waggon, in welchem ich saß, blieben auf den Schienen. Größerer Schaden war ansonsten nicht entstanden, also kam man mit dem Schrecken davon. Am nächsten Abend um 10 Uhr kamen wir nach München, wo ich nach Erland & Tanbergs Rat das Hotel Schweizerhof in der Louisen Straße nahm.

Ich habe vergessen zu berichten, dass ich im Winter 1871/72 bei Pfarrer Dopp zur Konfirmation in der Alten Aker Kirche (Gamle Aker Kirke) ging. Er war ein Jugendfreund von Vater und Mutter, die er immer mit Vornamen ansprach, wenn sie zusammen waren: William und Christiane. Er war ein liebenswürdiger alter Mann, und damals war er noch nicht so träge, wie er später wurde. Die Konfirmation war im April 1872. Ich erinnere mich, dass in der Nacht vor diesem Tag die Brauerei Frydenlunds brannte. Es war ein großes Feuerwerk direkt vor unseren Fenstern. Über den alten Dopp erzählte man später, als er älter und träge wurde, dass er versehentlich bei einer Eheschließung so begann:, “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun”. Als er nach Hause kam und seine Frau zu ihm sagte: “Nein, aber Dopp, wie konntest du so etwas sagen?“ antwortete er: “Ja, als ich die Eheschließung lesen wollte, dachte ich: sag bloß nicht so etwas jetzt, und von den Paaren her könnte es ganz gut passen!“.

Ein paar Jahre später nahm er seinen Abschied. Ich war von diesem gütigen alten, ehrwürdigen Geistlichen sehr angetan und war immer glücklich, wenn er und seine Frau bei uns waren oder wir bei ihnen, denn die Freundschaft mit Vater und Mutter währte ein Leben lang.

  1. franz. "Geschwader"
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