Silvesterabend und Polterabend!

2 Freunde und 2 Freundinnen (Frl. Theysen und 3 Geschwister aus Bodö) kamen Nachmittags an, Frl. Koch leider mit erfrorenen Nase (30 Gr. Kälte); abends 7 Uhr Festessen bei Knudsen! Feierliche Stimmung! Gertrud (Gudrun?) war meistens enfant terrible, aber überall sehr beliebt, besonders bei Tante Warloe und Frau Smith, welch Letztere ihr einen Ring mit Diamanten verehrte.
Nach dem Essen Singen, Musizieren, Reden, Poltern, Geschenke überreichen ctr. ctr. Ich übergab unsere Hochzeitsgeschenke (Uhr, Vasen in Beschreibung) im Namen von August, Vonessen und Dahmen! Viele Hochzeitsgeschenke fehlten wegen Fracht und Zoll. Sehr schöne silberne und goldene Eßgeräte schenkten die Verwandten aus Christiania und Trondhjem. Ein großer Tortenlöffel enthielt eingravierte Bilder aus der alten norwegischen Heldensage, mit den Runenversen: Sigur schmiedete das Schwert, Sebald? prüfte das Schwert. Sigur tötete den Drachen.1 Ein Kasten mit Garnituren von Gabeln und Messern (Wert 250 Mrk.) schenkten alle Ingenieure und Beamten des Werks, welche deshalb so kostbar sind, weil alle Griffe von Hand geschmiedet (In den berühmten Goldschmiedewerkstätten v. Trondhjem) und am Ende mit den eigenartigen Köpfen aus dem Dom zu Trondhjem geschmückt waren.
Der immer lustige alte Herr Smith schenkte 2 Eßlöffel, die durch eine silberne Kette mit einander verbunden waren, womit das Brautpaar an der Hochzeitstafel die Suppe aß und später erst dann wieder essen soll, wenn sie sich gezankt und wieder versöhnt haben.
Um 12 Uhr sprangen wir jeder von seinem Stuhl in das neue Jahr und Herr Knudsen hielt eine sehr rührende Rede, worin er einen Rückblick auf Gudruns Leben wirft und Abschied von seiner Lieblingstochter nimmt, die er nun voller Vertrauen in Leo‘s Hände gibt. Ca. 2 Uhr gingen wir schlafen.


Leo hat an diesem wie sich viel mit Gudrun abgesondert und dem Namen Knut(sch)en alle Ehre gemacht.

Neujahrssonntag – Hochzeitstag!

Sulitjelma liegt an einem See, der so breit ist, wie der Rhein bei Köln, aber ca. 4 Wegstunden lang. Beide Längsufer haben steile Berge, an welchen sich die Kupferbergwerke (bis jetzt ca. 15 in Betrieb) befinden. Am äußersten Ende liegt die Kupferhütte, wo Frau Sigrid wohnt und wo das Wasser in mächtigem Wasserfall von den Bergen und den ewgen Gletschern kommt (Es stehen hier 40000 Pferdekräfte zur Verfügung, von denen bis jetzt ca. 1000 ausgenutzt werden.) Hier in der Nähe steht auch der höchste Berg, der Solitelmatoppen2, eine lohnende Gletscherpartie für den Sommer. Vom Meere kommend, liegt Furulund, an der linken Seite am See, wo die hohen Berge etwas zurückstehen und Platz für Straße, Häuser und Werkstätten lassen. Hier liegt auf einer Anhöhe die Kirche, wie alle Gebäude aus Holz, aber ziemlich massiv gebaut, von Knudsen konstruiert und ganz idylisch angelegt und geschmückt, alles tadellos sauber, einfach, aber gediegen mit einer herrlichen Orgel. Der Blick von der Kirche aus auf den See und die hohen Berge, welche fast alle bis oben bewaldet sind, auf die Beamten- und Arbeiterhäuser ect. Gruben und Hüttenanlagen, ist gradezu wundervoll und bei der herrlichen kalten Winterzeit eigenartig3. Von 10-2 Uhr hell, ohne Sonne, dann plötzlich dunkel.

Innenraum der Kirche in Sulitjelma um 1900

Früh um 10 Uhr hielt Pfarrer Johannesen Gottesdienst. 11 Uhr Frühstück, dann Spaziergang und Ski-laufen. 1⁄2 4 Uhr kamen 30 Schlitten, welche die Hochzeitsgäste zur Kirche schafften. Oberring, Anfindsen und ich waren Trauzeugen und fuhren mit Leo von unserer Wohnung im Beamtencasino direct zur Kirche. Es war herrlicher Abend, sternenklar und nicht sehr kalt. Im Vorbau der Kirche war Garderobe.
Als alle Gäste in der Kirche waren, Arbeitern vollgestopft war, gingen Anfindsen und ich mit Leo in die Mitte durch die Kirchenthür in die Kirche zum Altar. 1 Minute später kam Frau Knudsen, geführt von den beiden jungen Söhnen, hinterher kamen kleine Mädchen und streuten Blumen, dann die Brautjungfern und zuletzt Herr Knudsen mit Gudrun am Arm. In diesem Augenblicke ertönte der von Knudsen komponierte Hochzeitsmarsch feierlich auf der Orgel und unter den Klängen dieser hehren Musik, aus welcher man die Klagetöne des Vaterherzens um den Verlust seiner Lieblingstochter, aber auch wieder sein Gebet an die Götter für die glückliche Zukunft des Paares zu hören glaubte, begrüßten sich Leo und Gudrun vor dem Altar und setzten sich auf die Stühle (Leo rechts), jeder bereits den Trauring am Finger.


Die Kirche war einfach geschmückt und nur mit dem Grün, was das Treibhaus hergeben konnte. Vor dem Altar mit grünen Blättern: G. L.


Nach Beendigung des Hochzeitschorales sang oben an der Orgel Frl. Valdis die 5 Strophen des von Herrn Knudsen gedichteten und auch komponierten Liedes „Til Gudrun4, ein erhabener Moment, die glockenhelle Stimme des kranken Schwesterleins, welches nur mit Mühe und Vorsicht hatte zur Kirche geleitet werden können, unten die festlich geschmückte Menge.

Dann sprach der Pfarrer zuerst norwegisch, dann deutsch und legte dem Brautpaar die bekannten Fragen in Deutsch5 vor, worauf beide 2mal ja antworten mußten.

Hierauf trug oben auf der Orgel ein Knabenchor unter Leitung von Frau Sigrid ein schönes Lied vor und die Feier war beendet. Leo zog mit Gudrun zur Rechten zuerst aus der Kirche, wir alle hinterher und mit den bereitstehenden Schlitten ins Casino. Große Gratulation! 7 Uhr Abendessen! 60 Personen! 


I. Rede der Pfarrer! 2. Rede Herr Knudsen! 3. Rede Leo, der die Braut von den Eltern mit Freude und Glückseligkeit annahm und ein Hoch auf die Eltern ausbrachte. 4. Rede Sigrid, welche norwegisch sehr bewegt sprach und fürchterlich weinte beim bevorstehenden Abschied von der „kjäre Söster!“6 5. Leo, der den Freundinnen und Brautführerinnen dankte, also im Namen seiner Frau sprach. Dann folgten viele andere Reden und Toaste ctr. ctr. bis 12 Uhr, als das Tanzen begann. Leo tanzte schlecht mit Gudrun, welche dafür von andern entschädigt wurde. Die kranke Valdis tanzte sehr viel!


Das Fest war also im Casino und Knudsens Villa liegt daneben, ca. 100 Schritt entfernt. Dort war in der ersten Etage das  Hochzeitsgemach nach altem nordischem Brauch fertig gemacht und schön geschmückt. Um 1 Uhr trug Gertrud das Haubengedicht7 vor und nahm Gudrun den Brautschleier nebst Kranz ab und steckte ihr das Symbol der Hausfrau, ein Häubchen auf‘s braungelockte Haar. Gudrun lachte und weinte zugleich, wie immer!

Um 3 Uhr war alles in schönster Weise verlaufen! Montag 11 Uhr Frühstück bei Knudsen, wozu Leo und Gudrun auch erschienen, dann viele Koffer und Abschiedsküsse; eine Flasche Sect, noch eine rührende Rede vom lieben Knudsen und herein mit dem Paar in die Pelze und in den Schlitten, Leo mit seiner

Leo Zenses
Leo Zenses

herrlichen sibirischen Pelzgarnitur, seiner großen Figur und seinem martialischen Schnurrbart, strotzend vor Gesundheit, machte einen fürstlichen Eindruck, neben ihm die liebe, kleine, braune Gudrun, lachend und wieder weinend und sofort wieder lachend. O, ihr glücklichen Menschenkinder! Punkt 1 Uhr knallte der Leibkutscher und „Stella“ zog an, alle Bekannten und Hochzeitsgäste standen dabei und fort sauste der Schlitten in die kalte Schneelandschaft. Die gute Mutter Knudsen fuhr 100 Schritte weit hinten auf dem Kutscherbrett mit, dann mußte auch sie ihr Liebstes verlassen, welches einem höheren Geschick folgend eine neue Heimat sucht.

Ingenieur Anfindsen aus Sulitjelma (links) war viele Jahre ein Freund der Familie.

Montag Nachmittag fuhren wir Schlitten zu Frau Sigrid zum Kaffee und abends war Nachfeier im Casino, wozu uns die Beamten eingeladen hatten.

Wir tanzten bis 2 Uhr, die übrigen bis 4 Uhr und die niedliche Tochter Ruth8 des famosen Ehepaares Smith aus Tronthjem klopfte uns beim Nachhausegehen ans Fenster, so daß ich aufstand und wie beabsichtigt zur Hütte fahren wollte! O, diese Backfischchen! Punkt 1⁄2 9 Uhr fuhr ich zu Studienzwecken zur Kupferhütte und zur Erzwäsche.


12 Uhr Frühstück! 1 Uhr Abschied genau wie gestern und 5 Schlitten sausten ab: Gertrud und ich, 2 Herren und 2 Damen aus Bodö. Gepäck hinterher.


Wir gingen fort von Sulitjelma mit dem Gefühl, bei lieben Menschen gewesen zu sein und einen neuen Verwandtenkreis kennen gelernt zu haben, mit dem uns die Freundschaft hoffentlich für immer verbindet. Lauter tadellos, die neuen Menschen, die Gastfreundschaft und Verpflegung und das ganze Entgegenkommen ohne Ausnahme. Frau Knudsen ist nicht genug zu loben. Alle Vorbereitungen groß artig! Die diversen Essen, nebst Hochzeitsmahl konnten im besten Hotel nicht schöner sein; nie fehlte etwas. Ich denke noch mit Wonne an die Schneehühner!


Die Rückfahrt über das Gebirge am hellen Tage war interessant, aber sehr gefährlich und wurde ungemütlich, als wir nach dem Pferdewechsel in das von der Flut hereindringende Wasser fuhren. 6 Uhr Fineidet! Abfahrt 10 Uhr.


Ankunft früh 2 Uhr in Bodö. Auf dem Meere war großer Sturm und unser Dampfer hatte 16 Stunden Verspätung. In Christiania kamen wir Mittags 12 Uhr an, trafen Leo und Gudrun am Bahnhof und fuhren zusammen nach Kopenhagen, so daß wir also zwei ganze Tage mit ihnen zusammen waren. Von dort fuhren Gertrud und ich nach Berlin, Leo und Gudrun über Hamburg, Brüssel, Paris, Italien nach Maidanpek in‘s Ehejoch.


Circuliert mit der Bitte um Rücksendung bei: Clemens und Maria Voneßen (mit Interesse gelesen und an August weitergesendet) 


August und Elly Zenzes

Heinrich und Christine Dahmen

N. B.: Für jeden ein Gedicht! „Til Gudrun!“

Besten Gruß allerseits

Alex Zenzes

  1. Sigur und Sebald sind Gestalten der nordischen Mythologie.
  2. Also die Spitze des Sulitjelma-Gebirges.
  3. Vermutlich wollte der Autor „einzigartig“ schreiben.
  4. Also: „An Gudrun“.
  5. Das klein- und das großgeschriebene „d“ sind vom Schriftbild oftmals nicht zu unterscheiden.
  6. Gemeint ist die Anrede:“Liebe Schwester!“
  7. Hochzeitsritus, bei dem der Braut der Schleier abgenommen und durch eine Nachthaube ersetzt wird.
  8. Ragna Ruth Smith (1886-1911).
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